Wir liefern Grundlagen

Gerhard Burhenne und Walter Göttlicher

Bauschlosser und Autoschlosser

Gerhard Burhenne und Walter Göttlicher Die Anfänge bei AO
„Walter, kannst Du Dich noch entsinnen, als wir damals die Werkstatthalle in Hedemünden betoniert haben? Die Mischmaschine, die wir da hatten, die ging kaputt. Ach Du lieber Gott, da war was los!“, erinnert sich Gerhard Burhenne. „Da haben wir bis nachts geschweißt und haben uns sogar manchmal die Augen verblitzt. Gerade im Dunkeln, wenn man elektrisch schweißt. Wenn man dann abends Heim kam, hatte man wie Sand im Auge. Dann haben wir nachts eine Kartoffelscheibe draufgelegt und am nächsten Tag ging’s weiter“, entgegnet Walter Göttlicher und Burhenne fügt hinzu: „Aber das Schöne war, wenn man samstags länger gemacht hatte, dann kam der Chef selbst, machte den Kofferraum hinten auf und sagte: ‚Jungs, jetzt kommt erstmal her. Jetzt müsst ihr euch erstmal stärken!‘ Dann hat er da eine Schüssel mit Gehacktes und Brötchen drin gehabt.“

Mitte Juli 2011 besuchten wir Walter Göttlicher und Gerhard Burhenne zum gemeinsamen Interview in Göttlichers Gartenhäuschen in Witzenhausen-Gertenbach. Die beiden Freunde sind nicht nur Nachbarn, sondern haben auch eine gemeinsame berufliche Vergangenheit bei der August Oppermann Kiesgewinnungs- und Vertriebs-GmbH.

Kennengelernt haben sie sich aber schon in ihrer Jugendzeit: „Da hat Walter die Mädchen hier im Dorf unsicher gemacht“, lacht Burhenne, der als gebürtiger Gertenbacher 1952 zunächst eine Lehre als Tischler in seinem Heimatort absolvierte und anschließend mehrmals den Arbeitgeber wechselte: „Damals war es mit der Arbeiterei noch nicht so doll, Ende der 50er Jahre, Anfang der 60er Jahre. Wir waren froh, wenn wir am Stück Arbeit hatten. 1963 kam er schließlich zu August Oppermann, erst als Hilfsarbeiter, „naja und dann habe ich mir so ein bisschen diese Bauschlosserarbeiten angeeignet. Damals war gerade die große Werkstatthalle im Aufbau und da mussten wir mit helfen: entrosten, streichen und all sowas. Und dann bin ich in die Kolonne gekommen, wo wir unter anderem die Kiesgewinnungsanlagen aufgebaut haben.“

Walter Göttlicher, der gebürtig aus dem Sudetenland stammt und später in Ermschwerd wohnte, wurde durch seinen Schwager auf die Firma Oppermann aufmerksam. Der gelernte Autoschlosser war erst bei einem größeren Autohersteller beschäftigt, wollte dann aus finanziellen Gründen aber den Arbeitgeber wechseln: „Ich war jung, ich musste heiraten. Wie es damals halt so üblich war. Damals war’s ja mit Verhütungsmitteln nicht so wie heutzutage und dann musste die Kohle her. Die zahlten doch nichts, die Autofirmen.“

Die erste Begegnung mit Herbert Hohlbein, dem damaligen technischen Leiter der Firma August Oppermann, wird Göttlicher nie vergessen: „ ‚Oh je, Autoschlosser, sagte Hohlbein. Mann oh mann oh mann oh mann, wenn Du wenigstens Schmied wärst oder Landmaschinenschlosser oder Schlosser. Naja, Leute brauchen wir ja. Was haste denn?‘ – ‚Naja, ich muss heiraten, muss Geld verdienen.‘ – ‚Ach, so ein Vogel bist Du‘, hat Hohlbein gesagt. Und nach 14 Tagen konnte ich wiederkommen und da anfangen. Naja, wenn man ein bisschen aufgepasst hat damals, dann hat man sich das alles ruck zuck angeeignet. Denn ein Autoschlosser hatte ja keine Ahnung vom Brennen und vom Schweißen, das war ja alles Neuland.“

Gerade einmal vier Wochen arbeitete Walter Göttlicher in der Werkstatt in Hedemünden, als im Werk Northeim dringend Leute gebraucht wurden. Fast ein Jahr lang war er von montags bis samstagnachmittags in Northeim stationiert, stets einsatzbereit, um Reparaturen zu erledigen. So auch in Bornhausen, wo er eine Zeit lang von Northeim aus mit dem Auto hingefahren ist: „Autos haben wir gefahren, das waren tolle Dinger. Das waren so Kriegsautos mit Holzführerhaus, 170er Mercedes. Man hat ja manchmal gedacht, man kommt nicht heim damit, aber wir sind immer ganz gut gefahren mit den Dingern. Wenn man das heute erzählt, schütteln die Leute mit dem Kopf“, lacht Göttlicher.

Gemeinsame Einsätze
Als Ende der 60er Jahre der Autobahnbau Kassel-Dortmund begann, arbeiteten Gerhard Burhenne und Walter Göttlicher zum ersten Mal intensiver zusammen: „Die Anlage – alles haben wir selbst aufgebaut damals. Was da an Kies weggekommen ist… mit den Zügen, erst einer, dann drei am Tag – zum Schluss waren es zwölf Züge! Ich kann Ihnen sagen, da habe ich im Monat fast 400 Stunden gearbeitet. Können Sie sich ausrechnen, wann ich da zuhause war?“, denkt Burhenne an diese Zeit zurück und Göttlicher fügt hinzu: „Mit dem LKW habe ich oft Material runtergefahren für die Jungs. Die Beladung erfolgte automatisch. Es wurden immer fünf Waggons auf einmal beladen und dann fuhr der Zug wieder fünf Waggons weiter. Das ging mit Druckluft. Dann hat manchmal ein Schieber geklemmt, weil ein Stein dazwischen war. Wenn ein Waggon voll war, lief der Kies weiter und weiter, runter auf die Gleise in die Schienen rein. Bis das bemerkt wurde, war ein dicker Haufen da. Da haben wir die ganze Nacht geschippt und geschippt, damit wir die Gleise wieder frei kriegten. Und am nächsten Morgen ging’s gleich weiter.“

Walter Göttlicher ist damals immer mal wieder von der Werkstatt aus nach Fritzlar gefahren, um in Reparaturfragen weiterzuhelfen, während Gerhard Burhenne mit der Kolonne in einer Baracke untergekommen ist: „Wir sind manchmal um 22, 22.30 Uhr ins Bett gekommen. Man lag keine zwei Stunden im Bett, dann klopfte Herr Hohlbein an die Tür: ‚Mensch, das Band ist kaputt!‘ Dann sind wir wieder raus. Das ging so weit, dass unser Elektriker damals schon von Arbeitseinsätzen geträumt hat. Ich denke, was ist denn jetzt los? Da sitzt der mitten in der Nacht aufrecht im Bett und ruft: ‚Herbert [Hohlbein], letztes Band defekt!“, amüsiert sich Burhenne.

Das alles blieb nicht aus, wenn man teilweise mit mehreren Kollegen in einer solchen Baracke unterkam. Auch Göttlicher muss schmunzeln, wenn er sich in diese Zeit zurückversetzt: „Jetzt können Sie sich vorstellen, wie das war, wenn so acht oder neun Kerle in einem Raum schlafen. Der eine rülpste, der andere… ich will es gar nicht sagen. Da stank es natürlich manchmal drin. Aber da musst Du durch, das ging da alles nicht so vornehm zu. Als Älterer wird man schon ein bisschen feinfühliger, aber als junger Kerl macht man das ja mit.“

Ein bisschen Spaß muss sein
Um den oft harten Arbeitsalltag mit einer gewissen Portion Humor zu meistern, spornten sich die Kollegen oft auch gegenseitig an, wie Burhenne schildert: „Da wurden auch Wetten abgeschlossen: ‚Wetten, Du trägst die Sauerstoffflasche nicht alleine die Anlage hoch?‘ – ‚Was? Und ob ich die da ganz alleine hoch trage. Das wollen wir doch mal sehen!‘ Wir waren ja alles junge Burschen und ängstlich waren wir auch nicht.“

Zum Thema Spaß bei der Arbeit fällt Gerhard Burhenne spontan noch eine weitere Anekdote ein: „Der damalige Seniorchef stand oft hinter dem Fenster und hat beobachtet, was auf dem Hof vor sich ging. Und wenn die Leute aus der Werkstatt auf die Toilette mussten, dann mussten die immer über den Hof gehen. Wir hatten da einen Helm und haben uns dann abgesprochen: ‚Wer jetzt auf die Toilette muss, der soll jedes Mal diesen Helm aufsetzen.‘ Das hat der Chef gesehen und hat dann zum Herbert Hohlbein gesagt: ‚Du Herbert, das eine will ich Dir mal sagen: Da ist einer bei euch, der läuft alle fünf Minuten auf die Toilette!‘ Wir haben das dann aber aufgeklärt, lacht Burhenne.

Während die Tätigkeiten in den ersten Jahren harten körperlichen Einsatz forderten, wurden die Arbeitsabläufe im Laufe der Jahre zunehmend optimiert: „Eine große Erleichterung war es, als die Firma später die Kräne gekauft hat. Da mussten wir nicht alles selbst die Anlage hochtragen. Und so ging das dann immer weiter, immer ein bisschen besser. Es wurden bessere Drehbänke angeschafft und so weiter. Also die Firma war schon gut ausgerüstet, das muss ich wirklich sagen“, so Göttlicher, der von seiner Arbeit bei August Oppermann auch in seinem Privatleben profitieren konnte: „Ich konnte zu Hause viel selber machen dadurch, dass ich da eben auch aufgepasst und mir viel angeeignet habe. Man hatte dann auch mehr Zutrauen zur eigenen Arbeit“, erzählt er und berichtet stolz, dass er auch das Gartenhäuschen, in dem wir uns für das Interview getroffen haben, selbst gebaut hat: „Damit ich eine Unterkunft habe, wenn meine Frau mich vorne im großen Haus mal rausschmeißt. Man weiß es ja nicht“, scherzt er.

Ruhestand
Auch und vor allem seit seinem Ruhestand 1999 verbringt Göttlicher viel Zeit in seinem Garten: „Es gibt immer etwas zu tun. Außerdem habe ich noch eine Firma. Ich habe etwa 150 bis 200 Leute unter mir – ich mähe auf dem Friedhof hier den Rasen“, lacht er. Hin und wieder trifft er sich auch mit seinem Nachbarn, Gerhard Burhenne: „Klar, wenn mal einer in Not ist, dann hilft der Andere mal. Da machen wir doch kein langes Federlesen.“

Früher waren die beiden im Gesangsverein und haben gemeinsame Busreisen unternommen: „Aber Gerhard ist jetzt ziemlich gehandicapt und wenn man älter wird, dann ist es auch nicht mehr so, als wenn man jünger ist. Heute hält man sich ja auch zurück. Und bei diesen Busreisen sind vorwiegend jüngere Leute dabei, die trinken dann natürlich. Haben wir früher ja auch gemacht. Ich will mir da jetzt keinen Heiligenschein aufsetzen. Aber man fühlt sich da heute ein bisschen überflüssig bei diesen Reisen“, schildert Göttlicher.

Besonders Gerhard Burhenne hat sich seinen Ruhestand, in den auch er 1999 gegangen ist, anders vorgestellt und berichtet von seinen schweren Rückenproblemen: „Am Anfang ging das gut. Da sind wir öfter noch in den Urlaub gefahren, aber die letzten vier Jahre… Wenn man älter wird, kommt dies dazu und das dazu.“ Aus gesundheitlichen Gründen fährt er momentan auch nicht in den Urlaub, besucht mit seiner Frau aber hin und wieder seine drei Kinder, die in München, Hamburg und Frankfurt wohnen. „Man soll froh sein, wenn man sich im Alter noch ein bisschen fortbewegen kann. Man weiß ja nicht, wie lange das geht, wann das Schicksal zuschlägt. Heute ist Sonnenschein und Morgen vielleicht der dickste Regen“, sind sich die beiden Freunde einig.

Gertenbach, Juli 2011


Tieflader von August Oppermann in den 60er Jahren

Walter Göttlicher: Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1960 oder 1961, auf der linken Seite sieht man noch einen Pfeiler der großen Kranbahn, über die kurz danach die große Werkshalle gebaut wurde.
Auf dem Tieflader sieht man einen Ohrenstein Koppel Seilbagger mit Ausleger, der mit Schleppschaufel oder Greifer ausgerüstet wurde, um damit Kies abzubauen. Der Lastkraftwagen ist ein 140er Henschel - 140 PS - 15000 bis 16000 ccm - 15 bis 16 Liter Hubraum. Damit wurden bei der Firma August Oppermann die Transporte gefahren. Den Tieflader hatte Herr Bernhard Oppermann aus Beständen der US- Armee erworben. Er besaß 24 Räder und wurde bei den Amerikanern für Panzertransporte verwendet. Für die Firma ein ideales Gerät für das Transportieren der vielen Bagger und Planierraupen, die laufend umgesetzt werden mussten. Der LKW war eines der schwersten Fahrzeuge, die Henschel zu jener Zeit baute.

Die beiden Personen sind Peter Baumann (Raupenfahrer) und Walter Göttlicher (KFZ-Schlosser)