Wir liefern Grundlagen

Herbert Paul

Ehemaliger Raupenfahrer

Herbert Paul Vom Schmied zum Raupenfahrer
„Durch einen Bekannten in Lindau bin ich auf die Firma Oppermann aufmerksam geworden. Das war Herr Willi Weiland. Der saß auf’m Saugbagger in Northeim und hat mir mal einen Lohnzettel gezeigt. Der hat ein Viertel mehr verdient als ich auf der Ziegelei damals. Das habe ich meinem Bruder erzählt, der auch auf der Ziegelei gearbeitet hat. Und der meinte: ‚Mensch, die suchen einen Raupenfahrer und einen Baggerfahrer! Da fahren wir hin und fangen da an, wenn das geht!‘ Und dann sind wir da hingefahren. Herr Gerland war damals Grubenleiter in Northeim, der hat uns dann zum August 1961 eingestellt“, erzählt Herbert Paul beim Interview in seinem Haus in Gieboldehausen.

1939 in Schlesien geboren, ist Herbert Paul im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern nach Krebeck geflohen und dort bis zu seinem 14. Lebensjahr zur Schule gegangen, bevor er in Ebergötzen eine Lehre als Schmied begonnen und später bei einer Ziegelei in Bilshausen gearbeitet hat.

… bei Oppermann
Bei August Oppermann hat Paul zunächst verschiedene Arbeiten erledigt, nach zwei Monaten ging es für den heute 72-Jährigen dann aber schon auf die Raupe: „Maschinen haben mich schon immer interessiert. Anfangs fuhr ich eine 60er Deutz, das war wie so ein Überkopf-Lader, so ein ganz altes Gerät und danach eine K90, die haben wir bei AO dann ja ständig gefahren. Man hat erst mal geübt, das ist klar. Da hat man doch gedacht: ‚Ja, das ist doch gar nicht so einfach.‘ Aber man ist da reingewachsen und man war ja nicht nur auf der Raupe.“, erzählt der Gieboldehausener. Zum Winter hin veränderte sich der Einsatzort. Die Produktion musste witterungsbedingt unterbrochen werden. Nun war Zeit für notwendige Reparatur- und Pflegearbeiten, für die während der Hauptsaison keine Zeit vorhanden war. In der kalten Jahreszeit war Paul vor allem in der Werkstatt in Hedemünden mit Reparaturen an den Maschinen beschäftigt.

Herbert Paul in einer Schieberaupe im Jahr 1963„Durch meine Arbeit habe ich viel von den Werken gesehen, denn mit der Raupe war ich ja nicht nur in Northeim. Wir mussten überall hin.“ Die Raupe sei immer in ein anderes Werk versetzt worden, dorthin, wo sie gerade gebraucht wurde, schildert Paul, der mit der Baumaschine vor allen Dingen für Abraumarbeiten eingesetzt wurde: „Der Mutterboden wird weggenommen und gelagert, weil der ja später wieder zum Rekultivieren benötigt wird. Und dann werden die anderen Erdschichten abgetragen und zum späteren Wiederauffüllen auch extra gelagert und dann sieht man ja, wann der Kies kommt“, erinnert er sich an den Arbeitsablauf.

Da es sich für ihn oft nicht lohnte, nach getaner Arbeit nach Hause zu fahren, kam er hin und wieder bei seinem Kollegen Erhard Schwarze, der seinerzeit noch in Hohenstedt wohnte, unter, oder er schlief in einer Baracke: „Man hat die Sachen, die einigermaßen sauber waren, im Auto gelassen und nur das Nötigste mit in die Baracke genommen. Wenn Sie müde sind, dann ist es fast egal, ob Sie im Bett liegen. Wir haben auch manchmal im Auto übernachtet. Ich habe geschlafen, wenn nebenan die Anlage gebrummt hat! Man war so müde, dass man trotz des Lärms schlafen konnte!“, erzählt er.

Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich
Ganze 41 Jahre lang war Herbert Paul für die August Oppermann Kiesgewinnungs- und Vertriebs-GmbH tätig – eine lange Zeit, in der sich auch die Maschinen weiter entwickelt haben: „Die wurden immer größer, die Leistung wurde mehr und auch die Bedienung einfacher. Die alten Maschinen zu bedienen, das war zum Teil echte Knochenarbeit. Zum Schluss ging das alles dann nur noch per Knopfdruck und hydraulisch. Als wir noch mit diesen einfachen Raupen gearbeitet haben, da waren wir ungefähr fünf, sechs Mann und zuletzt konnte ich viele Arbeiten sogar allein erledigen.“

Auch die Einstellung zur Arbeit war zu Pauls Berufszeiten noch eine andere, wenn er sagt: „Wir haben keine Angst gehabt uns damals schmutzig zu machen. Einen Teil der Klamotten haben wir gleich vor Ort gelassen und gar nicht erst zum Waschen mit nach Hause genommen – manchmal sah man abends nach der Arbeit aus wie so ein Müller, so dreckig waren wir! Und kaufen konnte man sich zu der Zeit nicht dauernd etwas Neues, da wurde noch geflickt!“, erklärt er.

Wie die übrigen interviewten Arbeitnehmer, berichtet auch Herbert Paul davon, dass ein Tag während der Hauptsaison bei August Oppermann oft sehr arbeitsintensiv sein konnte: „Wir haben während der Sommermonate meist von morgens um 5 bis abends um 8 Uhr gearbeitet. Manchmal auch bis 22 Uhr und oft wurden Nachtschichten eingelegt.“ In dieser Zeit war dann oft wenig Zeit für private Dinge.

Außergewöhnliche Situationen bedürfen außergewöhnlicher Maßnahmen
Wenn die Mitarbeiter allerdings wichtige Termine wahrnehmen mussten oder wollten, konnte es zu außergewöhnlichen, überraschenden Lösungen kommen. Herbert Pauls Bruder feierte Silberhochzeit und er fühlte sich hin- und hergerissen: Auf der einen Seite wollte er gern an der Feier teilnehmen – auf der anderen Seite musste er noch Rekultivierungsarbeiten in Schlitz zu Ende bringen: „Ich war dort damals mit meinen Kollegen Burhenne, Althaus und Bartel. Bis Hedemünden bin ich mit meinem Auto gefahren und dann ging‘s mit den anderen im Betriebswagen weiter nach Schlitz.

Schieberaupe im Jahr 1962 Als ich Herrn Hohlbein sagte, dass ich nicht zur Silberhochzeit meines Bruders fahren könnte, sagte er: ‚Und ob Du da hinfährst! Ich komme nach Schlitz und hol Dich ab!‘ Und so war es auch. Plötzlich kam der Hohlbein mit dem Hubschrauber, um mich zu meinem Auto zu bringen. Das war mein erster Hubschrauberflug. Mir war das nicht ganz geheuer. Ich habe immer gedacht, na hoffentlich fall ich nicht unten raus! Das war alles so blechern, so dünn kam mir das vor und auch laut. Und dann hat der Hohlbein zu dem Piloten wohl gesagt: ‚Zieh mal an und lass‘ wieder fallen!‘ Und ich meinte dann nur: ‚Ihr braucht gar nicht so einen Quatsch zu machen! Das ist, als wenn ich mit meiner Raupe über einen Huckel fahre‘“, erinnert sich Paul amüsiert.

Glück gehabt!
Nie vergessen wird der 72-Jährige wohl auch den Fund einer 10-Zentner-Bombe während der Aufräumarbeiten zur Bundesgartenschau, die in den 1970er Jahren in Kassel-Waldau stattfand: „Ich war damals mit Wolfgang Molzahn und Erhard Schwarze dort und wir waren gerade auf dem Gelände am Abräumen.“ Die Bombensucher der Stadt Kassel seien zwar vor Ort gewesen, um mit Metallsuchgeräten das Gelände abzusuchen, hätten aber wohl nicht alles gefunden, erklärt Paul. „Wir hatten schon eine Ecke abgeräumt und da haben wir gesehen: ‚Mensch, da guckt ja was `raus!‘ Wenn Wolfgang das nächste Mal zurückgefahren wäre mit der Raupe, wäre er direkt davor gefahren und die Bombe wäre hochgegangen. Die wäre genau in seiner Bahn gewesen und dann hätte er vielleicht den Zünder getroffen. Glück gehabt! Und dann wollten sie die Bombe entschärfen, aber das ging wohl nicht und dann haben sie das Teil gesprengt. Wir mussten dann alle das Feld räumen. Manche Teile der Bombe konnten sie wegbringen und an anderer Stelle hochjagen und manche Teile haben sie gleich an Ort und Stelle gesprengt!“

Im Vergleich zum Arbeitsleben gestaltet sich der Ruhestand von Herbert Paul zwar wesentlich risikoärmer, genug zu tun hat der BMW-Fan aber trotzdem noch: „Seit 1977 fahre ich BMW, das ist ein Hobby, das mir immer noch sehr viel Freude bereitet. Ich erledige auch die meisten Reparaturen an meinem Auto selbst. Dafür habe ich in meiner Garage extra eine Grube!“, erzählt er mit strahlenden Augen. „Oft bin ich auch in unserem Garten, dann sind auch meist meine Frau und unser Hund Sammy dabei. Aber das Wesentliche ist, dass ich jetzt nur noch Dinge mache, an denen ich Spaß habe. Ich bin sonst immer morgens um 3 oder 4 Uhr aufgestanden. Jetzt habe ich mein ganzes Leben umgestellt. Manchmal schlafe ich bis 10 Uhr und abends gucke ich ein bisschen länger Fernsehen. Das konnte ich früher gar nicht. Die erste Zeit meines Ruhestands bin ich immer morgens um 5 Uhr wach geworden, aber dann hat es sich über die Jahre gegeben. Ich bin ja jetzt auch schon 9 Jahre zu Hause!“

Zeitungsausschnitt 1965

Gieboldehausen, Oktober 2011