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Günter Stadler

Gelernter Maschinenschlosser und Ingenieur

Günter Stadler „Irgendwie fühl ich mich als Einzelgänger. Wer macht denn das noch und baut als Monteur Anlagen?“, resümiert Günter Stadler kopfschüttelnd, während er sämtliche technischen Zeichnungen und Fotoalben auf seinem Wohnzimmertisch ausbreitet. Der 85-Jährige kann selbst kaum glauben, was er in seinem beruflichen Leben alles auf die Beine gestellt hat. So richtig bewusst wird es ihm erst, als er seine Arbeitsunterlagen und Fotoalben durchblättert.

1926 in Neustadt an der Weinstraße geboren, begann er im Alter von 13 Jahren seine Lehre zum Maschinenschlosser bei der Internationalen Baumaschinenfabrik Aktiengesellschaft (IBAG) in Neustadt: “Das war `ne Firma, die beste Lehrwerkstatt! In der Lehre war alles perfekt – 100 %!“, schwärmt Stadler noch heute begeistert. Drei Wochen vor seiner Gesellenprüfung wurde er im Juni 1943 zum Reichsarbeiter verpflichtet.

Als er zwei Jahre später aus dem Krieg zurückkehrte, übernahm der damals 19-Jährige die Schreinerei und das Sägewerk seines Großvaters: „Ich hab geschreinert, Fenster, Türen und Hoftore gemacht, habe Brennholz und Stämme zu Brettern und Balken geschnitten und die Maschinen dafür noch größtenteils selbst gebaut.“ Ein Jahr nach seiner Meisterprüfung, 1953, nahm Stadler seine Tätigkeit bei der IBAG wieder auf und wurde im Auftrag der Firma diesmal vor allem als Monteur auf Auswärtsmontagen von Kies-, Sand-, und Splitt-Aufbereitungsanlagen eingesetzt – so auch 1954 im Northeimer Werk der August Oppermann Kiesgewinnungs- und Vertriebs GmbH.

Als er gemeinsam mit einem Arbeitskollegen der IBAG vor Ort einige Ausbesserungsarbeiten am Förderband und der Rutsche vornehmen musste, traf Stadler zum ersten Mal auf Bernhard Oppermann, den damals 34-jährigen Chef des Unternehmens: „Ich hab ihn sehr geschätzt, weil er immer mit Krawatte zur Baustelle gekommen ist und immer einen Mantel getragen hat. Ich hab ihn damals als König gesehen.“

August Oppermann – die Zweite
Die Gunst des „Königs“ konnte Günter Stadler allerdings während seines zweiten Arbeitseinsatzes bei AO im Jahre 1957 für sich gewinnen, als er wieder in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen eine alte aufgekaufte Anlage in Bursfelde auf Trab bringen sollte: „Das Ding war total verkommen, eine Krücke! Aber wir haben es zurechtgemacht.“ Von Stadlers Arbeit war nicht nur der damalige Werkstattleiter Helmut Bartels, sondern auch der Firmenchef begeistert: „Wilhelm Oppermann, der Vater von Bernhard Oppermann kam jeden Tag auf die Baustelle und beobachtete vom Auto aus den Arbeitsablauf. Er sagte damals zu mir: ,Herr Stadler, wie Sie das alles machen, wie Sie die Leute einteilen – das läuft einfach.‘- da hatte ich schon gewonnen“, erinnert er sich zurück.

Von da an war Günter Stadler häufiger in Werken der Firma anzutreffen und wurde immer wieder für Aufträge gebucht, bei denen er zunehmend seine Qualitäten als Fachmann unter Beweis stellen konnte: „Je schwieriger die Aufgaben waren, desto größer war für mich die Herausforderung.“ Und die Herausforderungen sollten kein Ende nehmen: von 1957 bis 1984 war Günter Stadler als Konstrukteur neben Northeim und Bursfelde maßgeblich an Anlagenbau und -erweiterungen der Werke Gimte, Bornhausen, Ruthe, Klein Schneen, Dennhausen, Wehrden, Geismar, Fritzlar, Vienenburg und zuletzt Kalbsburg beteiligt und entwarf in diesem Rahmen die Projekte und die technische Zeichnungen für die Firma – bis 1965 unter dem Dach der IBAG, danach als Angestellter der TEKA Baumaschinen GmbH.

Bemerkenswert sind vor allem Errungenschaften wie die 50 Meter lange Förderbandbrücke über die Eder oder das 200 Meter lange Schwimmband bestehend aus fünf 40 Meter langen Teilen verlagert auf Pontons im Werk Northeim, das inzwischen durch Klappschuten ersetzt wurde. Seines Wissens war eine solche Konstruktion in Kiesbetrieben noch nicht zu sehen. Es war eine gewagte Aufgabe: „Ich habe immer Mut gehabt, konnte allerdings niemanden fragen: ,Wie soll ich das machen?‘“

Während seiner Tätigkeiten für August Oppermann kam Günter Stadler immer wieder, zum Teil mit seiner Familie, in Wohnungen des Chefs unter und hatte dadurch auch einen engen Bezug zur Familie Oppermann: „In der Zeit bis 1965, wo ich im Hause Oppermann gewohnt habe, ist der Bernhard oft sehr spät nach Hause gekommen, er musste mit seinem Kies Geschäfte machen und Kunden betreuen. Denn zu diesem Zeitpunkt war der Autobahnbau zwischen Göttingen und Hannover in vollem Gang. Obwohl Bernhard immer spät nach Hause kam, war er morgens um 7.00 Uhr wieder auf dem Platz gestanden“, bewundert Stadler den im vergangenen Jahr verstorbenen Seniorchef noch heute: „Ich habe ihn akzeptiert, er war der Chef. Da ist zum Beispiel seine Größe und die schöne Sprache. Die sprechen ja so schön in der Gegend, da kommen wir Pfälzer nicht mit“, lacht Stadler. „Und das alles hat Eindruck gemacht, sein ganzes Verhalten, das Kameradschaftliche und das Vertrauen, das er mir geschenkt hat.“ Das gute Verhältnis zu Bernhard Oppermann ging letztlich soweit, dass er ihm 1962 angeboten hat, für vorerst fünf Jahre fest in der Firma zu bleiben, „aber ich war so heimatverbunden, ich hab da nicht mitgezogen“, so Stadler.

Freiberufler und Ruhestand
Bis 1983 hat Günter Stadler als Teka-angestellter Ingenieur privat noch Zeichnungen für August Oppermann angefertigt. Die Kiesgewinnungs- und Vertriebs-GmbH ist aber nur einer von zahlreichen Auftraggebern, die das Talent und Engagement des Pfälzers zu schätzen wussten. Nach seinen Aufzeichnungen ist er neben seiner konstruktiven Tätigkeit bei Teka mit PKW und Bahn und mit über 150 Flugreisen in europäischen und fernen Ländern auf Geschäftsreise gewesen. In den 70er Jahren hat er manche Wochenenden bei Oppermann zur Klärung technischer Details in Hedenmünden verbracht.

Erst vor drei Jahren, nachdem er nach seinem „offiziellen“ Ruhestand noch weitere 17 Jahre als freier Mitarbeiter bei der Firma Teka beschäftigt war, hat er seine Arbeit 2008 niedergelegt, dazu kam zu diesem Zeitpunkt die Rezession. Sein Zeichenbrett hütet Stadler aber noch heute wie seinen Augapfel: „Meine Frau wollte, dass das Brett rauskommt, aber ich hab gesagt: ,Nein, dann nimmst du mir etwas weg. Als wenn man Jemandem den Boden unter den Füßen wegnimmt.“

Da ihn sein berufliches Leben auch heute noch stark prägt, interessiert er sich sehr für Fernsehreportagen über architektonisch interessante Objekte und die geschichtliche Vergangenheit. Mehr als 20 Jahre nach seinem letzten Arbeitsauftrag bei der Firma August Oppermann besichtigte er gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter 2007 das zuletzt gebaute Werk Kalbsburg und stattete Bernhard Oppermann einen vorletzten Besuch ab. „Es war eine nette Begegnung mit Rückblick auf die erfolgreiche Zusammenarbeit. Während meines 55-jährigen Arbeitslebens habe ich viel gesehen, viel erlebt und gebaut und war zufrieden. Diese Zeit werde ich gut in Erinnerung behalten.“

Neustadt an der Weinstraße, Juni 2011