Wir liefern Grundlagen

Horst Vierke

Ehemaliger Betriebsschlosser

Horst Vierke Naturbursche im Baugewerbe
„Wir haben früher immer gesagt: ‚Das ist unsere Firma.‘ Das war eben auch unsere Firma. Nicht so wie heute, wo die Leute nur darauf warten, dass die Zeit rumgeht und das Geld kommt“, berichtet Horst Vierke, der uns in seiner Wohnung in Hann. Münden-Oberode zum Interview begrüßt.

In seinem Esszimmer, von dem aus wir einen traumhaften Ausblick auf die Werra genießen können, beginnt er von seinen Hobbies und seinem Ruhestand zu erzählen: "Ich lese viel. Krimis, Reiseberichte und Biographien. Ich gucke auch Fernsehen, wenn es Natursendungen gibt oder Fußball. Und ich habe hier meine Aussicht, habe meinen Feldstecher immer griffbereit liegen. Wenn mein roter Milan fliegt, begrüße ich ihn. Ich beobachte, was auf dem Wasser los ist. Im Moment sind viele Kormorane da. Die haben mir früher immer die dicken Aale weggefressen und ich habe hier unten keine gefangen."

Horst Vierke ist von Kindesbeinen an ein „Naturbursche“ und leidenschaftlicher Angler, wie er sagt. Geboren in Berlin und aufgewachsen in Bremervörde, hat er sich als kleiner Junge in der Gegend als Wilddieb versucht, trat dann aber später, als er nach Hann. Münden gezogen ist, in einen offiziellen Angel-Verein ein.

Auch als er 1963 seine Tätigkeit als Betriebsschlosser bei der August Oppermann Kiesgewinnungs- und Vertriebs-GmbH aufnahm, war das Angeln ein Thema: „Als wir die Anlage in Geismar aufgebaut haben, mussten wir eine Brücke über die Eder bauen. Dabei habe ich natürlich dann auch gefischt, ich hatte immer eine Leine im Wasser. Und ich hatte dann so viele Fische zusammen, dass wir uns nach der Arbeit vor die Werkstatt gesetzt und gegrillt haben. Das waren schöne Zeiten“, erinnert sich der 75-Jährige an seine Tätigkeit bei August Oppermann zurück, an der er heute noch besonders den Teamgeist der Mitarbeiter schätzt: „Es war eben ein Zusammenhalt da. Es war Einer für den Anderen da und wenn Kirmes war, saß Alles an einem Tisch.“

Mit den Augen lernen
An seinem ersten Arbeitstag bei der Firma Oppermann unterstützte der gelernte Tischler zunächst seinen Kollegen Adolf Kreuz in der Werkstatt: „Ich habe dann erstmal Eisen zugeschnitten und zugeguckt, wie er das so macht. Zuschneiden konnte ich ja als Tischler. Das war kein Problem. Ich hatte nur erst Schwierigkeiten mit dem Heften, ich musste auch kleine Schweißnähte machen. Dann habe ich mir das Schweißen angeeignet und so bin ich da reingerutscht. Man musste immer aufpassen und mit den Augen lernen.“

In der Werkstatt half Vierke so lange, bis Herbert Hohlbein Kolonnen für den Aufbau von Kiesgewinnungsanlagen zusammenstellte. „Anlagenaufbau, das war was! Es ging nur aufwärts. Man hatte gar keine Zeit zu überlegen. Es wurde hier ein Werk aufgebaut und dort eins aufgebaut. Zwischendurch Reparaturen und ab und zu hatten wir auch den jungen Wilhelm Oppermann dabei. Damals war er so 12 oder 13 Jahre alt. Er wollte sich sein Taschengeld aufbessern und musste bei uns Rost klopfen, streichen und so weiter. Er hat alles mitgemacht. Wenn wir Rohre verlegt haben, hat er die Schrauben mit angezogen. Er musste es von der Pieke auf lernen und viel schippen musste er.“

Für Horst Vierke stellte das Aufbauen von Kiesgewinnungsanlagen eine besondere Herausforderung dar: „Es war ja auch gefährliche Arbeit zum Teil. Man muss sich wundern, dass immer alles so gut gegangen ist. Wir haben praktisch wenige Unfälle gehabt, gerade, wenn man Anlagen aufgebaut hat. Da war nur das Gerüst, 20 Meter hoch. Man musste immer aufpassen. Aber es hat Spaß gemacht, weil es so vielfältig war. Man musste viel improvisieren und überlegen, wie man jetzt zum Beispiel so ein Sieb in die Anlage einbauen kann.“

Während der Arbeiten an den Kiesgewinnungsanlagen ist er gemeinsam mit seinen Kollegen meist in Baracken untergekommen und musste auch nachts oft raus: „Man hat sich eben voll eingesetzt“, so Vierke, der dafür die Wochenenden voll und ganz seinem Privatleben gewidmet hat: „Das Wochenende gehörte meiner Familie. Da sind wir viel gewandert oder nach Hannover in den Zoo gefahren. Ich hatte sonst ja nichts davon. Im Sommer standen meine Frau und die beiden Kindern schon hier unten am Tor und haben gewartet, dass ich kam. Dann bin ich schnell nach oben – geduscht habe ich ja in der Firma – habe mir andere Sachen angezogen und dann ab ins Freibad.“

„Ich gebe jetzt mein Werkzeug ab“
Schon zehn Jahre bevor Horst Vierke offiziell in den Ruhestand ging, machten sich 1986 erstmals seine Hüftprobleme bemerkbar. Als er damals seinem Vorgesetzten Horst Dörrig davon erzählte, sorgte dieser dafür, dass Vierke zunächst leichtere Arbeiten bekam: „Und dann bin ich nach Northeim in die Zuckerfabrik – das war auch eine Werkstatt der Firma – gekommen, bis es gar nicht mehr ging. Ich konnte ja nicht mehr richtig laufen.

Mit 62 Jahren habe ich eine neue Hüfte bekommen. Dann ging es mir erst etwas besser, bis sich die andere Seite bemerkbar machte und der Arzt sagte: ‚Damit gehen Sie nicht mehr zur Arbeit.‘“ Von einen Tag auf den anderen nicht mehr arbeiten zu können, war für den heutigen Rentner nur schwer zu akzeptieren: „Da war ich fertig. Das war nicht so einfach. Da brach für mich die Welt zusammen. Ich habe ja gern dort gearbeitet und musste dann zum damaligen Werkstattleiter gehen und sagen: 'Ich gebe jetzt mein Werkzeug ab.'“

Bis letztes Jahr hat sich Horst Vierke liebevoll um seine an Alsheimer erkrankte Frau gekümmert. Um sich mit weiteren Betroffenen und Angehörigen auszutauschen, hat er sich dem Göttinger Alsheimerkreis angeschlossen und dort viele neue Freundschaften schließen können: „Dort sind viele, die auch ihren Partner verloren haben. Wir treffen uns auch heute noch, sprechen über persönliche Dinge, unternehmen Ausflüge oder grillen mal zusammen. Man muss schon etwas tun, muss seine Freundschaften pflegen. Sonst ist man allein.“

Hin und wieder verreist Vierke mit seinem Sohn und seiner Enkelin, zum Beispiel nach Cuxhaven oder Weismain. „Und wenn es mir gesundheitlich wieder etwas besser geht, geh ich auch wieder angeln“, berichtet er voller Vorfreude. So wie damals, als er noch bei August Oppermann war – eine Zeit, an die er sich gern erinnert: „Ich kann nur sagen, dass ich trotz der vielen Mühe, die es manchmal gemacht hat, gern dort gearbeitet habe. Ein Bekannter von mir hat mal gesagt, er sei noch nie gern zur Arbeit gegangen. Da habe ich zu ihm gesagt: ‚Dann bist Du aber ein armer Mensch.‘ Den größten Teil seines Lebens ist man ja – so war es früher jedenfalls – mit einer Firma verbunden. Und die Firma Oppermann war unsere Firma.“

Hann. Münden, September 2011