Wir liefern Grundlagen

Ingrid Zwingmann

Ehemalige Prokuristin

Ingrid Zwingmann Northeim statt München
Wenn es damals nach Ingrid Zwingmann gegangen wäre, würden wir sie heute nicht in ihrer Wohnung in Northeim, sondern viel weiter südlich, in München, besuchen. Nach ihrer Ausbildung in wirtschafts- und steuerberatenden Berufen, die die gebürtige Northeimerin mit 18 Jahren bei einem Steuerberater absolviert hat, war sie zunächst als Sekretärin in einem ortsansässigen Unternehmen, das Fertighäuser vertreibt, tätig.

Da sie aber langfristig gesehen „in die große weite Welt“ wollte, ihre Firma aber nach Göttingen umsiedelte, saß sie quasi schon auf gepackten Koffern, als sie plötzlich aus gesundheitlichen Gründen ins Krankenhaus kam: „Und auf einmal – ich lag gerade im Krankenhaus – kam nach der OP meine Mutter zu mir: ‚Weißt Du, wer heute bei uns war?‘, fragte sie. Ich entgegnete: ‚Woher soll ich das wissen?‘ – ‚Ein Herr Oppermann, der hat gehört, dass Du bei Deinem alten Arbeitgeber kündigen willst. Der ist interessiert, der will Dich einstellen!‘“ Ingrid Zwingmann hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von der Firma August Oppermann gehört und abgesehen davon, wollte sie doch gemeinsam mit ihrer Mutter und einer guten Freundin nach München gehen. „München?“, hatte Bernhard Oppermann damals zu ihr gesagt‚ „das ist ein ganz teures Pflaster. Da kann man vielleicht mal Urlaub machen, aber doch nicht wohnen“, erinnert sie sich lachend an ihre erste Begegnung mit dem damaligen Firmenchef.

Die August Oppermann Kiesgewinnungs- und Vertriebs-GmbH hatte 1967 die in Northeim ansässige Firma Körber aufgekauft und brauchte für den neuen Betrieb dringend Personal – unter anderem in der Verwaltung. Schließlich hat sich Zwingmann dazu überreden lassen, in Northeim zu bleiben und fing im Alter von 28 Jahren zunächst in der Buchhaltung der Firma Körber an: „Ich habe damals die komplette Buchhaltung aktualisiert, da war ein ganzes Jahr nachzuholen.“

Anschließend wurde sie immer öfter auch in die Werke geschickt. Besonders an die Zeit der Hochkonjunktur Anfang der 1970er Jahre kann sie sich gut erinnern: „Wir haben damals rund um die Uhr gearbeitet. Da bin ich oft schon morgens früh um 6 Uhr in die Kiesgruben gefahren, um nach dem Rechten zu sehen und die Fahrer von den Firmen zu betreuen. Dann war ich dort für ein paar Stunden, bin wieder nach Hause gefahren und habe noch im Büro gearbeitet.“

Zwingmanns Aufgabengebiet erweiterte sich zunehmend – nach und nach wurde sie in sämtliche Sachverhalte mit eingebunden. Sie war nicht nur dabei, wenn Bernhard Oppermann Kiesland kaufte, sondern unterstützte ihn auch bei Verhandlungen und Versammlungen: „Achtstunden-Tag? Ich wusste gar nicht, was das war. Ich arbeitete von morgens um 6 bis abends um 20, 21 oder 22 Uhr, wenn ich dann noch im Büro zu tun hatte. Damals hatten wir noch keinen Computer, da musste alles noch mit Schreibmaschine geschrieben werden.“

Alles unter Wasser
1981 befand sich das Firmengebäude, in dessen angegliedertem Wohnhaus Ingrid Zwingmann damals unterkam, noch im Mittelweg – bis eines Tages das große Hochwasser vor der Tür stand: „Da waren wir dann auch von betroffen, sehr massiv sogar! Das Wasser lief bis in die Halle, in der mein Auto und andere Maschinen untergestellt waren. Erst lief von hinten die Halle voll und dann vorne das Büro. Wir hatten im Büro so schöne Wände aus Holz. Das stand alles unter Wasser. Und wir konnten die Dinge nirgendswo hinbringen, weil ringsherum alles voll mit Wasser war. Das war Pfingsten. Pfingstsonntag stand ich auf, oben blauer Himmel und unten alles voll mit brauner Brühe von der Rhume“, resümiert sie und weist darauf hin, dass die Firma anschließend an eine Anhöhe in die Vivaldistraße gezogen ist.

Auch nach dem Umzug wohnte Ingrid Zwingmann direkt bei oder genauer gesagt in der Firma und zwar im Stockwerk über den Büroräumen: „Da bin ich natürlich mit eingezogen, damit ich gleich bei der Arbeit bin! Ich war total in die Firma involviert. Da gab es keine Freizeit mehr. Aber es hat ja auch Spaß gemacht. Es ist ja nicht so, dass ich widerwillig zur Arbeit gegangen wäre. Im Gegenteil: Es war vielseitig – nicht nur im Büro. Ich musste auch viel rausfahren zu den Leuten. Aber wie gesagt: Für Hobbies wie Tennis oder ähnliches war dann keine Zeit mehr. Das ging einfach nicht.“

Harte Jahre
Darunter, dass Ingrid Zwingmann sich all die Jahre „praktisch selbst vergessen“ hat, wie sie sagt, hat die heute 71-Jährige sehr zu leiden. Schon bevor sie im Mai 2001 in Rente ging, kümmerte sie sich neben ihrem Vollzeitjob bei August Oppermann aufopferungsvoll um ihre kranke Mutter, insgesamt „15 harte Jahre“, so Zwingmann: „Das war für mich eine ungeheure Belastung – körperlich und seelisch. Ich bekam Herzrhythmusstörungen. 1989 fing das zum ersten Mal an. Erst einmal im Jahr und dann, zwei, drei Jahre später wurde das immer mehr, je stärker die Belastung wurde. Ich bin dann auch auf die Intensivstation gekommen. Ich weiß nicht, wie oft ich dort war, also 50 Mal ist wohl zu wenig.“

Seit ihrem Ruhestand ist Ingrid Zwingmann viel mit ihrer Erkrankung beschäftigt und mit Kater Ramses, der sie nun schon seit sieben Jahren begleitet: „Der kommt hier aus der Straße und ist einfach bei mir eingezogen. Dort, wo er vorher wohnte, da waren zwei Kinder und die waren so laut und haben geschrien. Katzen brauchen ja ihre Ruhe und irgendwann kam der Kater immer zu mir. Und dann habe ich ihn ein Jahr lang immer wieder zurückgebracht. Aber irgendwann ist er dann nicht mehr weggegangen.“

Auch wenn Ingrid Zwingmann durch ihre Herzprobleme stark eingeschränkt ist, gestaltet sich ihr Alltag sehr abwechslungsreich: „Also Langeweile habe ich überhaupt nicht. Ich kann jetzt auch wieder mehr draußen machen. Ich kann mich mit meinen Blumen beschäftigen. Ich kann auch nicht lange herumsitzen, das war noch nie meine Sache. Und dann sind da noch meine Freundinnen, mit denen ich mich regelmäßig treffe oder telefoniere.“

Langeweile kommt bei ihr auch deshalb nicht auf, weil sie bis noch vor drei Jahren nicht nur die Gehälter für die Firma bearbeitet hat, sondern weil sie auch heute noch gern von ehemaligen Firmenkollegen um Rat gefragt wird: „Dann bekomme ich einen Anruf: ‚Ingrid, weißt Du, was wir da gemacht haben, wo dies ist, wo das ist?‘ Und ich stehe heute auch immer noch in enger Verbindung zum Junior. Ich weiß noch, als Wilhelm Oppermann klein war, als ich 1968 in der Firma angefangen habe. Ich kenne das Ganze von Anfang an – und durch den Ausblick bin ich sowieso mit August Oppermann verbunden“, lacht sie und schaut aus ihrem großen Wohnzimmerfenster auf die Northeimer Seenplatte.

Northeim, August 2011